1. März 2026

Na dran an der Belastungsgrenze

GRONAU. Dienstag vor Silvester im Gebäude der Tafel an der Zollstraße: Letztmalig in diesem Jahr findet eine Lebensmittelausgabe statt. Die Bedürftigen der roten und blauen Gruppe stehen am Eingang Schlange. Nach und nach dürfen sie den Ausgaberaum betreten. Die Regale sind gut gefüllt, das Angebot ist reichhaltig. Mit dem Einkaufswagen geht es für die Kunden nach der EDV-gestützten Verifizierung der Einkaufsberechtigung durch die Reihen. Selbstbedienung ist angesagt, fast wie im normalen Supermarkt.

Dreimal in der Woche öffnet die Einrichtung inzwischen die Tore für ihre Kunden. Die Zeiten des 14-Tage-Rhythmus sind längst passé. Neben der rot/blauen und der grün/gelben Gruppe gibt es seit rund anderthalb Jahren auch eine eigene Einkaufsmöglichkeit für Kunden, die über 55 Jahre alt sind. Auch die erfreut sich steigender Beliebtheit. „Wir werden das Angebot alsbald zeitlich ausweiten“, kündigt Manfred Lenz an.

Der Leiter der gemeinnützigen Einrichtung ist an diesem Dienstag auch vor Ort. In der Weihnachtszeit ist deutlich mehr als sonst zu tun bei der Tafel. Eine Sechs-Tage-Woche bedeutet das für Lenz und das im Ehrenamt – da zieht man den Hut. „Zu Jahresanfang wird es dann wieder ruhiger, dann müssen drei oder vier Tage reichen“, sagt er fast schon rechtfertigend.

Erklärtes Ziel bei seinem Amtsantritt Mitte 2023 war es, die Arbeitsabläufe effizienter zu gestalten und damit die Arbeitsbedingungen für das Personal zu verbessern. Das ist gelungen: Die Ausstattung präsentiert sich modernisiert und erweitert. Das gilt für den Fuhrpark ebenso wie für die Kühllagerung. Zuletzt freute sich der Vorstand über die Inbetriebnahme einer Förderbandanlage. Arbeitsprozesse, wie die erwähnte Eingangskontrolle sind digitalisiert und – last but not least – das gesamte Ausgabesystem ist in Richtung Selbstbedienung umgestellt worden.

Mit Blick auf die aktuelle Entwicklung der Kundennachfrage sind das allesamt Maßnahmen, die absolut notwendig waren, um der Entwicklung auf der Nachfrageseite gerecht werden zu können. Denn nicht nur beim Ü55-Angebot steigen die Nutzerzahlen rasant. „Wir haben inzwischen mehr als 3000 Kunden, die monatlich von uns versorgt werden“, berichtet Lenz. Eine Steigerung um rund ein Drittel im Vergleich zu 2024. Die Zahl der Neuanmeldungen lag bei knapp 500.

Der Knackpunkt dabei: „Wir kommen immer mehr an unsere personellen Grenzen“, verweist der Tafel-Leiter auf die Mitarbeiterzahl, die weiterhin bei rund 80 liegt. Nicht ohne Stolz betont der pensionierte Kriminalbeamte, dass es bei der Gronauer Tafel trotzdem nach wie vor als einzige Einrichtung ihrer Art im Kreis Borken keine Warteliste gibt. „Wir nehmen weiter alle Kunden auf, die ihre Bedürftigkeit nachweisen können.“

Bei Einzelpersonen gibt es allerdings eine Besonderheit: Sie kommen nur dann in den Genuss des Tafel-Angebots, wenn sie sich in einem der Bereiche als Arbeitskraft einbringen. Ein wichtiger Beitrag dazu, dass die Personalstammstärke gehalten und das Ausscheiden beziehungsweise Kürzertreten älterer Mitarbeiter kompensiert werden kann. Das gilt im Übrigen auch für die Bundesfreiwilligendienstleistenden. Sechs „Bufdis“ gehören mittlerweile zur Belegschaft.

Sechs Mal in der Woche fahren die Tafel-Mitarbeiter zu den Lieferanten, fast 800 Tonnen (!) Lebensmittel wurden im zu Ende gegangenen Jahr in den Klein-Lkw und Bullis der Einrichtung bewegt. Die Spendengeber stellen die Ware gerne zur Verfügung. Sie sparen nicht nur Kosten für die ansonsten fällige Entsorgung ein, sondern fördern mit ihrem Engagement auch das Firmenimage mit Blick auf Nachhaltigkeit.

Ein weiterer Knackpunkt der steigenden Auslastung: Auch in räumlicher Hinsicht ist das Ende der Fahnenstange so langsam erreicht. Das gilt nicht nur für die Lagerkapazitäten oder die Ausgabe, sondern auch für die Sozialräume. Eine Erweiterung der Immobilie erscheint angebracht. Lenz hält sich zu der Frage indes bedeckt.

Der Tafelvorstand um den Vorsitzenden und den Geschäftsführer Reiner Liedtke tut viel, damit die steigende Aus- nicht zur übermäßigen Belastung für die Ehrenamtlichen wird. Anerkennung und Wertschätzung der geleisteten Arbeit gehören elementar dazu. So gab es in dieser Weihnachtszeit erstmals eine eigene Ausgabe für Mitarbeitende. In diesem Jahr sind vier Veranstaltungen geplant, in denen ihnen auf unterschiedliche Art und Weise Dank ausgesprochen wird. Dabei bringt sich auch die Stenau-Stiftung ein.

Große Motivation geben der gesamten Belegschaft die zahlreichen Spenden, die im Jahresverlauf, besonders aber in der Weihnachtszeit aus der Bevölkerung und der Unternehmerschaft zugunsten der Tafel getätigt werden. Lenz: „Wir verzeichnen eine ungebrochen stabile Spendenbereitschaft.“ Darüber hinaus freut er sich auch über einen „nicht unerheblichen Mitgliederzuwachs“.

Genug Anlass also, um optimistisch auf 2026 zu blicken? Lenz nickt. Im Januar kommt eine neue Kühltheke, die die Selbstbedienung in diesem Ausgabebereich erleichtert. Vorgesehen ist überdies die Neuanschaffung eines weiteren Bullis für den Fuhrpark. Aber wie begegnen die Tafel-Verantwortlichen einer angesichts anhaltender Krisensituation erwartbar weiter anziehenden Nachfrage? Lenz antwortet darauf nicht mit den Worten einer früheren Bundeskanzlerin, sondern eher westfälisch-pragmatisch: „Es läuft bei uns, man darf sich nicht verrückt machen lassen.“

Wollen Sie die Gronauer Tafel unterstützen – sei es mit Spenden oder mit persönlichem Einsatz? Weitere Informationen gibt es online unter: